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Conrad Scherze, Foto: Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg

Conrad Scherzer (1893-1965)

Erinnerung an Conrad Scherzer von Cläre Goldschmidt

»Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze« — meint Schiller im Prolog zu »Wallensteins Lager«.

Er hätte den Gedankengang getrost erweitern können, nicht nur dem Mimen geht es so. Dieses 20. Jahrhundert, das nur ein »Vorwärts« kennt, vergißt allzu schnell seine Könner und ihre Leistung, so
beispielsweise Professor Conrad Scherzer, der im August 1965 gestorben ist und dessen
75. Geburtstag im Januar dieses Jahres 1968 hätte gefeiert werden können.

Wer hat sich dessen erinnert?

Nicht die Stadt Nürnberg, an deren Schulen er so viele Jahre als Kunsterzieher wirkte, nicht der Verlag, der Scherzers literarisches Lebenswerk herausbrachte und noch ediert, und auch nicht jener Bund, für dessen Interessen er stets eingetreten ist und der jenen Begriff im Namen trägt, der für Conrad Scherzer den Lebensinhalt bedeutete: Franken.

Obwohl in Nürnberg — im Stadtteil Maxfeld — geboren, ging schon in jungen Jahren Conrad Scherzer mit seinen Interessen schnell über das speziell und spezifisch »Nürnbergische« hinaus. Vater Christoph Scherzer, der aus dem Steigerwald gekommen und in Nürnberg Lehrer geworden war, regte ihn wohl dazu an.

Eben dieser Vater gehörte 1883 zu den Begründern des Nürnberger »Botanischen Vereins«, aus dem später die »Botanische Sektion« bzw. die Abteilung für Botanik unserer Naturhistorischen Gesellschaft geworden ist.

Die Liebe zur vielfältigen und bunten Welt der Pflanzen fand für den ferienfrohen Nürnberger Schulbuben im farbleuchtenden Bauerngarten der Steigerwald-Großmutter ihre frühe Erfüllung und führte gleich zu ersten Versuchen, das Geschaute zu zeichnen und zu malen. Lebenslang haben diese frühen Eindrücke Conrad Scherzers zeichnerische Arbeit begleitet und beeinflußt: Fingerhut, Goldlack und Sonnenblumen erscheinen stets aufs neu im ornamentalen Stil seiner »Privat-Grafik«,
vom Exlibris, über die Geburtsanzeigen seiner Kinder bis hin zu den Neujahrsglückwunsch karten. Obwohl sein Ausbildungsweg an der Nürnberger Kunstgewerbeschule ihn zunächst mit der dekorativen Malerei vertraut machte und mit der Ausmalung der Schloßkapelle der
oberfränkischen Wasserburg Mitwitz bei Kronach einen Höhepunkt fand, kehrte Conrad
Scherzer doch bald zur Grafik zurück, deren redliche Genauigkeit und schwarz-weiße Klarheit seiner eigenen geradlinigen und ehrlichen Wesensart besser entsprach.

Der l. Weltkrieg brachte eine harte Zäsur, doch noch während der vierjährigen Kriegsgefangenschaft im provenzalischen Carpentras griff Conrad Scherzer wieder zum Zeichenstift. In der »Kulturbaracke«, die das skandinavische Rote Kreuz für die Deutschen aufgestellt hatte, wurde er zum Lehrer seiner Kameraden.

Zu Hause wartete derweilen schon der ältere Bruder Hans auf den Illustrator für seine inzwischen fertiggeschriebenen Manuskripte, die sich mit erd- und pflanzengeschichtlichen Wanderungen durchs Frankenland und mit der Flora alter Bauerngärten befaßten.

Endlich kam Conrad Scherzer zurück. Er zeichnete und zeichnete, Lorenz Spindler gab die Bücher heraus, Erfolg und Anerkennung stellten sich ein — das Leben hatte von neuem begonnen. Als man auch amtlicherseits auf den fleißigen und tüchtigen Künstler aufmerksam wurde und ihn als Zeichenlehrer in städtische Dienste berief, war die Existenz gesichert. Das geschah durchaus zur rechten Zeit; denn inzwischen hatte Conrad Scherzer in der Zeichenlehrerin Maria Issmayer, die einer Nürnberger Architektenfamilie entstammte, die ideale Lebensgefährtin gefunden.

Ein paar Jahre später — 1934 — kam Conrad Scherzer in mein Blickfeld und ich in seines. Die geistige Verbindung, die daraus entstand, ist erst durch seinen Tod beendet worden. In jenen Apriltagen des Jahres 1934 blickte eine Klasse des Städt. Mädchenrealgymnasiums im altersgrauen Schulhaus an der Findelgasse mit gemischten Gefühlen zur Zimmertüre: man erwartete den neuen Zeichenlehrer. Es
ging ihm der Ruf voraus, daß er fabelhaft viel könne und bei ihm wirklich etwas zu lernen sei, daß er aber leider auch gar keinen Schlendrian dulde, so künstlerisch-bohemehaft es selbst anzusehen sei.

Nun, der Fall war bald ganz klar: Faulheit und vermeintlich scherzhafte Albernheiten, die wir uns unter den müden Augen unserer bisherigen, betagten Zeichenlehrerin erlaubt hatten, waren jetzt völlig ausgeschlossen.

Conrad Scherzer sah und hörte alles und ließ uns gar keine Zeit zum Aushecken von Dummheiten. Er deckte uns so völlig mit Ideen und Plänen ein, daß wir zu tun hatten, wenigstens einen Teil davon auszuführen.

Wir lernten Baustile und Kunstepochen unterscheiden, waren bald in der Lage, Ornamente der Volkskunst zu zeichnen und verschiedenartige Schriften zu schreiben, von der klassischen Antiqua bis zum verschnörkelten Barock. Wir waren mit Eifer und Begeisterung bei der Sache und mußte eine der Schülerinnen wegen einer Erkältung daheim bleiben, so kam sie, wenn auch hustend und niesend,
bestimmt am Freitag zum »Zeichnen« wieder.

Conrad Scherzer hatte als Lehrer und Mensch auf der ganzen Linie gesiegt. Daß er gerade
Vierzig war und wir knapp Sechzehn zählten, war dabei nicht ohne Bedeutung.

Bald hatten wir ihm verziehen, daß er anstatt einer Krawatte sogar zum Sportanzug eine große
schwarze Taftschleife trug — er war eben ein Künstler. (Ein paar Jahre später hat er sie
wieder mit der »bürgerlichen« Krawatte vertauscht und jetzt scheint es mir fast, als hätte
er die große Schleife für ein notwendiges Dekor erachtet, wie etwa heute die Männer der Politik die Zigarre, die Pfeife oder den Homburg).

Da ich zu den zeichnerisch Begabten der Klasse gehörte, fragte mich Conrad Scherzer eines Tages, ob ich nicht später die Akademie besuchen und dann einen künstlerischen Beruf ergreifen wolle. Dabei erfuhr er von der Abneigung meiner Mutter gegenüber einer solchen Berufswahl ihrer Tochter; daß sie schließlich doch zustimmte, war Conrad Scherzers Überredungskunst zu danken.

Doch schien er sich — da er mich auf diesen Berufsweg gelenkt hatte — auch weiterhin verantwortlich zu fühlen. Wie ich später erfuhr, hat er sich während meiner Studienjahre immer wieder bei Prof. Körner, meinem Lehrer, nach dem Fortgang meiner Ausbildung erkundigt.

Der Brand Nürnbergs am Ende des 2. Weltkriegs traf Conrad Scherzer hart, doch gelang es ihm aus den Trümmern seiner zerbombten Wohnung jenes Manuskript zu retten, an dem sein 1943 verstorbener Bruder Hans gearbeitet hatte und das auszubauen und zu illustrieren nun sein Plan war.

Ein ganzes Jahrzehnt mußte aber noch vergehen, bis Hoffnungen, Wünsche, Ideen und Pläne Wirklichkeit wurden: 1955 erschien im »Verlag Nürnberger Presse« der 1. Band von Conrad Scherzers großem »Frankenbuch«.

Bald nach seinem 65. Geburtstag gab er die Zeichenlehrertätigkeit endgültig auf und ging in Pension, um von nun an noch emsiger am Schreibtisch zu sitzen und gleichzeitig seine Mitarbeiter anzuspornen, damit der 2. Band des Werkes druckreif würde.

Manches Mal habe ich in jenen Jahren versucht, ihn aus dem geliebten Frankenland herauszulocken. Ich erzählte ihm von den noch sichtbaren Spuren des alten Frankenreiches in anderen Ländern, von den großartigen karolingischen Reichsklöstern in Italien; immer war er interessiert und schnell in
der Reaktion: »Das will ich auch sehen, da muß ich mal hin, aber zuerst muß der 2. Band
noch fertig werden«.

Das ist ihm gelungen. Es ist eine gute und gründliche Arbeit, dieses zweibändige, weitausgreifende und umfassende Werk über Franken; die Naturhistorische Gesellschaft, deren Mitglied Conrad Scherzer viele Jahre war, bewahrt es mit Stolz in ihrer Bibliothek.

Doch als es fertig war, dieses »Franken«, da war er, der Initiator, auch am Ende, bereit
zum Sterben. Ein Franke also, der wirklich für Franken gelebt hat. Wer wird es ihm danken?
Soll ich noch einmal aus Schillers »Wallenstein« zitieren? Nein, Goethe weiß im »Faust«
eine bessere Antwort: »Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, Das Echte bleibt der
Nachwelt unverloren.«

Zur Autorin des Nachrufs

Cläre Goldschmidt studierte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Prof. Max Körner und beschäftigte sich während ihrer Studienjahre mit Kunst und Kunstgeschichte in Theorie und Praxis.Ab 1967 war sie Sekretärin der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg.

Ihre Interessen galten zunächst den Etruskern und den Kulturverflechtungen der Völkerwanderungszeit. Auf vielen Reisen durch die Mittelmeerländer lernte sie die Welt der Antike an Ort und Stelle kennen und befaßte sich daraufhin mit ausführlichen Studien über Herkunft und Ausstrahlung der hellenisch-römischen Kultur.

 

 

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