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Fritz Griebel: Weibliche Akte in blau

Fritz Griebel (1899-1976), 1960er-Jahre, Depot
Fritz Griebel: Frauen in blau, undat., fg1059
Fritz Griebel: Frauen in blau, 1060er Jahre., fg1059

Fritz Griebel setzte sich in seiner Kunst mit dem Element des Stilllebens sowie des weiblichen Körpers beständig auseinander. Neben Dürer (1471–1528) ist es vor allem die Kunst Paul Cézannes (1839–1906), die den jungen Franken beschäftigten.

1926 reiste er nach Paris, um endlich Werke des Franzosen im Original sehen zu können. Wenige Jahre später begann Griebel eine Werkgruppe, in der er sich mit den Badenden von Cézanne auseinandersetzte und weiterentwickelte: Arkadien.

Das Werk des Monats zeigt auf einer hochrechteckigen Bildfläche fünf weibliche Akte in unterschiedlichen Körperhaltungen: sitzend und stehend – mal als Rückenansicht, mal frontal, mal seitlich. Dicht gedrängt bevölkern sie die Fläche und scheinen mit dem blau-grünbraunem Hintergrund zu verschmelzen. Ihre Gesichter sind abstrahiert, sie sind entindividualisiert. Jede Figur ist für sich. Eine Art Konversation bzw. ,Blickkontakt‘ lässt sich bei den Figuren unten rechts beobachten.

Irritierend wirken die blauen Striche, welche die Akte durchziehen. Sie bewirken eine Art kubistische Facettierung des Körpers. Schattierungen malte Griebel nicht bläulichschwarz, sondern in einem hellbraunen Inkarnat. Bald wird der weibliche Körper zur reinen Farbfläche werden.

Griebels Weibliche Akte erinnert formal an Pablo Picassos (1881– 1973) Les Demoiselle d‘Avignon. Dieses bedeutende Werk abendländischer Kunstgeschichte und zugleich Wegbereiter des Kubismus stellt eine Bordellszene dar. Fünf nackte Frauengestalten mit groben eckigen Leibern und schematischen, in der Art primitiver katalanisch-romantischen Fresken gemalten Gesichtern, stellen ihre Körper vor einem rotbraunem und blauweißem Vorhang zur Schau.

Zwei von ihnen haben verzerrte Gesichtszüge, wofür Picasso sich an afrikanische Masken orientiert haben könnte. In der unteren Bildmitte befindet sich ein Stillleben mit Früchten auf dem Tisch. Besonders die hockende Gestalt, die dem Betrachter ihren Rücken zuwendet und mehrere Ansichten des Körpers gleichzeitig präsentiert, findet sich in Griebels Bild wieder.

Griebel malte natürlich keine Bordellszene. Seine Frauengestalten sind in einem konfliktlosen Naturzustand dargestellt. Sie müssen ihre Körper nicht verkaufen. Sie strahlen eine stilllebenhafte Ruhe aus. Es ist ein idealisiertes Dasein, ein irdisches Paradies. Entstanden in den 1960er-Jahren, als Andy Warhol (1928–1987) seine Campbell Soup Cans groß auf Leinwand brachte und die Pop Art einläutete, als mit Happenings das Publikum direkt einbezogen und geschockt wurde, als die Op Art den Wahrnehmungsprozess untersuchte und die Minimal Art das Bild als reine Farb-Fläche und Objekt feierte, war mit Aktmalerei nicht viel Kunst zu machen.

Zwar wandte sich Griebel nach 1945 auch der internationalen Abstraktion zu, doch hielt er auch weiterhin an der Figur und am Gegenstand fest. Seine Weiblichen Akte mögen auf den ersten Blick anachronistisch wirken. Im Oeuvre Griebels jedoch markiert das Werk einen stringenten künstlerischen Prozess. Es zeigt seine Verehrung für Cézanne, den er als „Vater Cézanne“ bezeichnete und seinen 100. Geburtstag am 10.01.1939 in seinen Terminkalender eintrug.

Von ihm übernahm Griebel seine klare Komposition, welche seine Werke insgesamt bestimmt. Das Streben nach Harmonie findet sich auch in diesem Werk wieder. Es zeigt aber auch kubistische Einflüsse, wenn Griebel die Plastizität der Körper reduzierte unter Verzicht auf perspektivischen Illusionismus. Fragen der Form und Komposition waren für ihn ständige Begleiter, die ihn antrieben.

Text: Antje Buchwald, 2018

  • Fritz Griebel (1899-1976)
  • 1960er-Jahre
  • Malerei
  • Öl auf Leinwand
  • fg1059
  • 64 x 40 cm

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